Here is a story written by my Grandmother in 1944, charting allegorically the path of her childhood.
Der Seewind, ja der Seewind! Er ist der Diener eines mächtigen Herren, eines Großen Königs, von Ihm hat er sein Lied gelernt. Wer unter seinen Flügeln groß geworden ist, der kann sein Lied nie vergessen, nie.
Es war einmal ein König und eine Königin, die lebten in einem wunderschönen großen weißen Schloß. Und wenn sie abends auf ihrem Dach unter den blühenden Lilien und Kressen und Margeriten saßen und sich vom Regieren ausruhten – denn der König und die Königin waren fleißige Leute – so strich der gute, salzige Seewind über sie hin und hunderte von Silbermöven kreisten über ihnen und sammelten sich für den abendlichen Heimweg nach den Inseln im Meer.
Das Königreich war ein fruchtbares Land, seine Einwohner stille, saubere, fleißige Menschen. So herrschten Zufriedenheit und Eintracht im ganzen Lande, von den wohlhabenden Städten bis zu den kleinen Fischerdörfern am Meer. Ja, es war ein schönes Land, wie ein einziger großer Garten, so gut gehalten und so voll von Blumen war es. Und der Seewind blies über das Land hinweg, jahraus, jahrein und sang sein uraltes Lied von Freiheit und Ferne, von Größe und Weite; und in jedem Baum, der sich vor ihm neigte und in jedem Menschenherzen klang das Lied fort.
Ein großer weicher Himmel wölbte sich über das Land, höher wölbte er sich als über den anderen Ländern, das sagten jedenfalls die Fremden, die hierher kamen. Und es kamen viele Fremde in dieses Land und auch in das Königsschloß; ja, es war selten, daß nicht ein Gast mit am Mittagstisch des Königs saß. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn die große Gastfreundschaft und weite Bildung des Königs, die Schönheit und Güte der jungen Frau Königin und das weiße Schloß mit seinen vielen, vielen Blumen waren bekannt bis über die Grenzen des Landes hinaus.
Man kann sich wohl denken, daß es bei all den verschiedenen Gästen, so bunt durcheinander wie sie kamen, Maler und Dichter, Musiker und Gelehrte und kluge Staatsmänner und Weitgereiste, nie langweilig wurde im weißen Schloß!
Der König und die Königin hatten drei Kinder, den Prinzen Molch und seinen beiden jüngeren Schwestern, Prinzessin Eichhorn und Prinzessin Mops. Prinzessin Mops war als drittes Kind das wohlgeratenste der Geschwister, ein kluges, ruhiges Mädchen, das alle Weisheit schweigend in sich hineinsammelte. Sie sprach nur selten, aber – das wußten alle – was Prinzessin Mops sagte und behauptete, das war so.
Prinz Molch hatte es nicht leicht mit der Erziehung seiner Schwestern, die ihm als vornehmlichste, brüderliche Aufgabe erschien. Die Prinzessinnen waren auch wirklich so töricht und dumm, daß man sich in der Öffentlichkeit einfach ihrer schämen mußte. Später, nach den ersten harten Jahren der Erziehung war er dann ihr bester Freund. Er hatte ein offenes Auge für alles Schöne und alle Kunst auf dieser Erde, einen fleißigen, klugen Kopf und einen starken Willen, mit dem er auf sein Ziel hinsteuerte. Vielen war er ein guter Freund. Allzu früh kam Bruder Tod und nahm seinen Freunden und seinen Schwestern den Freund weg. Noch eines erzählten die Leute von Prinz Molch: daß meistens Katzen und kleine Kinder hinter ihm herliefen, weil sie ihn liebten.
Der Prinz und die Prinzessinnen verlebten goldene Jahre im Schloß der Eltern; der König lehrte sie die ritterlichen Künste: reiten, jagen und schwimmen; die handwerkliche Kunst schätzte er aber ebenso hoch und gab die Kinder zu den besten Meistern in die Lehre. Bei der Frau Königin lernten sie Werke und Weisheit der großen Menschen kennen, die früher über diese Erde gegangen sind; sie lernten alles Leben achten, Menschen, Tiere und Pflanzen, sie lernten die Augen öffnen für Schönheit und Schmerz, Freude und Leid dieser Welt.
Aber was der König und die Königin ihnen nicht lehren konnten, was kein Mensch einem anderen lehren kann, das lernten sie vom Seewind. Freiheit umgab sie und der Seewind behütete sie, sie entdeckten die tausend Wunder der Dünen, des Meeres und des Himmels, während der Wind sein wunderbares Lied von der Macht und der Liebe des Großen Königs sang.
Die Prinzessinnen hatten das ganze weite Land lieb, am liebsten aber waren ihnen die Dünen. Hier lebten ja ihre Freunde, die Kaninchen. Die Möwen und Austernfischer brüteten hier und erzogen ihre flaumigen gescheckten Kinder im warmen Sand unter Strauchhafer und Kreuzkraut; hier sang im Frühling die erste Nachtigall und der Kuckuck, die Birken blühten zu Ehren des heiligen Georg, und später der Maidorn, Liguster und Jelängerjelieber; hier ließen sich im Herbst die Scharen von Zugvögeln auf dem Stranddorn mit seinen leuchtenden Beeren nieder.
Nicht alle Menschen wußten von den tausend verschiedenen Blumen der Dünen, denn sie waren so klein, so winzig klein, daß man sich zu ihnen auf die Erde legen mußte, um sie zu erkennen, den Steinbruch, Vergißmeinnicht und Frauenhaar und alle ihre Brüder und Schwestern.
Hier ging die Sonne am schönsten auf und hier zog der Abend mit so viel Frieden auf das Land herunter, daß man wußte, daß der Große König selbst sie geschickt hatte.
Hier hatten die Prinzessinnen mit vielen anderen Kindern des Landes dem Großen König ihren Dienst versprochen und seinen Ritterschlag empfangen.
Wer im Winde der Freiheit und Ehrfurcht vor dem Leben seinen ersten Flügelschlag getan und später fliegen gelernt hat, dem muß jede Verletzung der Freiheit wie eine Wunde am eigenen Körper erscheinen. Fremde Gesetze waren in das Land gekommen, Gesetze, die vom Menschen kamen und nicht vom König kommen konnten; sie vermaßen sich, die Menschen nach ihrer Gestalt und ihrer Farbe zu scheiden, die einen zu erheben, die anderen zu verachten. Wer waren diese Menschen, sich dieses Richterrecht zu nehmen? Viel Schmerz haben sie ins Land getragen, Freunde getrennt. Wie konnte Prinzessin Eichhorn das verstehen? (Denn wisst Ihr, was ein richtiger Freund ist, ein richtiger Freund? Es ist etwas sehr seltenens auf dieser Erde und man hat wohl nicht viele im Laufe des Lebens.)
Der König und sein ganzes Haus liebten das Land als sei es ihr Vaterland; das war es aber nicht, denn der Vater des Königs war in einem anderen Land geboren; dort hatte der König auch ein Schloß; dieses andere Land liebte er, weil es die Heimat seines Vaters und seines Großvaters gewesen war. Und die Kinder liebten es, aber den Seewind konnten sie auch dort nicht vergessen.
Viele schöne Jahre waren dahingegangen. Da zogen schwarze Wolken am Horizont auf, böse schwere Wolken und ballten sich zusammen über dem lieben Land. Und die Menschen schauten voller Angst zum Himmel. Der König hatte schon ins Horn geblasen, gleich als das erste schwarze Wölkchen sich zeigte, denn er war ein wachsamer König, der jeden Tag auf seinen Turm stieg und mit dem Perspektiv den Horizont besah, rundherum. Der König wußte sich keinen Rat, er holte sein Pusterohr vom Kamin und blies nach Leibeskräften hinein, und wenn gleich viele seiner Untertanen es ihm gleich taten, was vermögen hundert, ja sogar tausend Pusterohre gegen eine Gewitterwand? Der Sturm brach los, ein böser Sturm. Die Häuser stürzten ein, die Deiche zerrissen und das Wasser strömte über das Land und brachte Tod und Verderben mit sich. Die Menschen schauten verängstigt in die schwarze Nacht hinauf. So dunkel wurde es über dem Land,daß sie den Sternenhimmel nicht mehr sahen, und so wild brauste der Sturm, daß sie den Seewind nicht mehr hörten. Nur wenige, ganz wenige Menschen behielten das Licht der Sterne und das alte Lied des Windes in ihrem Herzen.
Als der erste Blitzschlag von der Gewitterwand zur Erde fuhr, mußte der König das Land verlassen; denn so lautete der alte Vertrag mit dem Land seiner Väter. Ein merkwürdiges, unverständliches Gesetz, daß er, der König im Augenblick der Not, sein geliebtes Land verlassen mußte. So wollte ihm beim Abschied auch fast das Herz brechen.
Wie oft hatte er auf schwarze Wolken geblasen, wenn sie sich am Horizont zeigten, wie oft hatte er sie vertrieben! Nun waren sie doch gekommen.
Der König stieg zum letzten mal in seine Kutsche, wie im Traum tat er es, und er zog die Gardinen vor die Fenster, denn es wurde ihm zu schwer, von seinem lieben Land Abschied zu nehmen. Die Fahrt war nicht lang, nur wenige Tage dauerte sie, denn die vier Pferde, die ihn zogen, waren jung und schnell. Aber als der König in seinem anderen Schloß ankam, war er ein alter Mann geworden, sein blondes Haar hatte sich weiß gefärbt. Armer, alter König!
Von dem Schmerz der Frau Königin und der Prinzessinnen über die Not ihres lieben Landes weiß das Märchen nichts zu sagen, wohl weil man über den Schmerz einer Frau nicht spricht.
Wir wissen nur, daß die Königin im neuen Schloß gleich wieder an die Arbeit ging, daß sie auch hierher Freude und Sonnenschein brachte und dem neuen Land eine gute Mutter war.
Das Lied vom Seewind hat aber weiter in ihr gesungen und viele Menschen haben es gehört und sind fröhlich davon geworden.
Prinzessin Mops und Prinzessin Eichhorn aber waren groß geworden, mit dem geliebten Land hatten sie auch ihre goldenen Kinderjahre hinter sich gelassen. Wer so viel Gutes empfangen hat als Kind, von dem wird sicher das Leben einmal mehr fordern als von anderen.
Nun zogen sie in die Welt hinaus, damit das Leben selbst sie weiter lehrte.
Sie kamen durch ferne Länder und wußten, daß sie niemals den Gehorsam gegen den Großen König vergessen und nirgends den Menschen ihre Hilfe versagen durften.
Und die Welt, die weite Welt war so wunderschön, daß man sich an ihr gar nicht satt sehen konnte. Wenn auch großes Leid sich in den Häusern und Hütten, unter Mensch und Tier verbarg, so war doch die Freude immer stärker als das Leid und heller als die Dunkelheit.
Nun weiß das Märchen noch etwas von einem Prinzen; er lebte in dem anderen Land, im eigentlichen Heimatland unseres Königs. Er war ein Prinz, nicht wie andere Prinzen, denn wo er hinkam, zündete sich ein Lichtlein an, auch wenn’s in der dunkelsten Höhle dieser Erde war.
War er so schön? War er so klug? War er so gut? Wir wissen es nicht und niemand hat davon erzählt. Wir wissen nur, daß auch er im Dienst des Grossen Königs stand. Die Leute erzählten sich, daß er Prinzessin Eichhorn lieb hatte und daß sie ihn lieb hatte und daß ihr großer Wunsch war, gemeinsam dem Großen König zu dienen. Was aus ihnen wurde? Wir haben es nicht erfahren, denn das Märchen ist hier zu Ende.
Wir wissen nur eins bestimmt, daß der Seewind weiter weht, daß die krummen Kiefern noch immer sein altes schönes Lied singen und daß dies Lied auch in den Menschenherzen weiter klingt; denn die es einmal gehört haben, die können es nie vergessen, nie.
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